Geboren als Tochter südafrikanischer Exilanten in den USA kehrt die Poetin Lebogang Mashile im Teenager-Alter nach dem Ende der Apartheid zurück nach Südafrika. Aufgewachsen in Rhode Island, fernab eines jeglichen südafrikanischen kollektiven Selbstverständnisses und inmitten der US-Amerikanischen Kultursphäre, stellt sie ihre Rückkehr vor unerwartete Revelationen über sich selbst und ihre Familie:

Es war wie eine Wolke, die in unserem zuhause hing und die niemand erklären, aber alle fühlen konnten. […] Ich dachte, dass [diese Wolke] ein einzigartiges Ding in meiner Familie sei, aber als wir 1995 zurück nach Südafrika kamen, […] da realisierte ich, dass die Beziehung zu Emotionen in meiner Familie nicht einzigartig war. Das ist etwas, mit dem Südafrika zu kämpfen hat. Wir, als Nation, haben kein gemeinsames emotionales Vokabular.[1]

Mashiles Rückkehr in das kollektive Bewusstsein, das kollektive Gedächtnis Südafrikas kontextualisierte ihre Lebensrealität und bettete diese in ein breiteres soziokulturelles Phänomen ein. Die Rückkehr in eine von der Apartheid schwerst-traumatisierte Nation redefinierte Mashiles interfamiliäre Schwierigkeit die anhaltenden Emotionen zu verarbeiten im Trauma der Nation, im Trauma eines nationalen Gedächtnisses, dessen Deutungshoheit im Apartheidsregime als Suppressioninstrument benutzt wurde. Die Abwesenheit dieses emotionalen Vokabulars und die Unfähigkeit das Erlebte kollektiv zu verarbeiten spiegelt sich im Fehlen des nationalen Traumas im kollektiven südafrikanischen Gedächtnis wider. „Wir haben eine Erinnerungskrise,“ hält Mashile fest. „Die Signifikanten unserer Erinnerungen als Nation spiegeln nicht die gelebten Erfahrungen unseres Volkes wieder“ [2]

Zwischen Erinnern und Vergessen liegt ein schmaler Grat, ein Seiltanz auf dem das menschliche Gehirn perpetuell balanciert. Zwischen der persönlichen Wahrnehmung des Selbst und der Schaffung einer perzipierten Realität liegt das Kontextualisieren, das Festhalten des Individuellen im global Erlebtem. Dieses kollektive Gedächtnis, also die geteilten Erinnerungen zwischen verschiedenen Lebensrealitäten, definiert rückwirkend das Selbst in Relation zum Umfeld, zur Nation, zu den Beziehungen, die unser Leben formen. Was erinnert und was vergessen, gar kassiert wird, das wird von den Hütern der Deutungshoheit bestimmt: über Schulcurricula zu Feiertagen bis hin zu Filmförderungsfonds, die Reproduktion des nationalen Gedächtnisses ist selektiv. Aber was, wenn das Kollektiv selbst erinnert?

Das Internet hat die Hüter der Deutungshoheit unterwandert. In Sekunden verbreiten sich Tweets wie Lauffeuer, Instagram-Posts werden gesehen und Liveleak-Videos in Whatsapp-Gruppen verbreitet. Das Wahrnehmen ist nicht mehr bestimmt von Verlagshäusern und Autoritäten, sondern von Algorithmen und einer gesunden Portion Glück. Wer viral geht wird wahrgenommen, wer wahrgenommen wird, wird auch unweigerlich zu einem Bestandteil der Geschichtsschreibung. Egalitärer, so könnte man meinen, ist die Geschichtsschreibung in diesen Zeiten; partizipativer und in Echtzeit. Sie ist greifbarer, auswertbarer, empirisch erforschbarer dank Korpuslinguistik und Page Crawlern, dank den Petabytes und Petabytes an Daten die das egalitäre Recht auf Partizipation jeden Tag durch die Glasfaserleitungen spült. Und trotzdem ist da ein bohrendes Gefühl des Zweifels – was, wenn die Glasfaserleitung irgendwann bricht? Wie viele dieser Echtzeiterinnerungen werden in zwanzig Jahren noch erinnerbar sein, speicherbar, auslesbar? Zwischen gelöschten Websites und sich verändernden Speichermedien hängt das globale kollektive Gedächtnis im Limbo. Wir können Traumata dokumentieren, temporär Subalternität mitigieren, Geschichte schreiben; nur das Erinnern erscheint zweitranging. Das kollektive Gedächtnis ist ein kollektives Kurzzeitgedächtnis geworden, in dem sich die temporale Sphäre auf das Unmittelbare beschränkt: So zeigen Studien, dass die meisten temporalen Referenzen in Weblogs sich auf die nahe Zukunft oder Vergangenheit beschränken und selten weiterreichend kontextualisieren. [3]

Das Internet hat uns die Möglichkeit gegeben gehört zu werden, zu dokumentieren, und zu erinnern. Geschichtsschreibung bricht nicht mehr an den klassischen Gatekeepern, sondern an der digital divide: gelesen wird, wer Zugang zum World Wide Web hat, wer partizipieren kann in der Netzkultur. Zwischen ungefilterten Datenströmen, Langzeitblindheit und der Frage wer mitmachen kann liegt die Möglichkeit der autonomen Geschichtsschreibung unter unseren Fingerspitzen. Die Frage ist letztendlich nur, ob wir es auch schaffen ein kollektives Langzeitgedächtnis zu erschaffen, in dem die gelebten Erfahrungen des 21. Jahrhunderts nachhaltig und souverän dokumentiert werden können, und ob wir damit die von Mashile postulierte Erinnerungskrisen in Zukunft abwenden können.

[1] Mashile, Lebo. Memory Matters. 2016, https://www.youtube.com/watch?v=RkSESE efexo&t=619s.

[2] Ibid.

[3] R. Campos, L. I. Porto; Center for Human Language, What is the temporal value of web snippets, The 1st International Temporal Web Analytics Workshop of the 20th International World Wide Web Conference (TWAW’11), pp. 9–16.