Chancengerechtigkeit und Gleichstellung
Ich mach doch schon genug!? - Ein ErfahrungsberichtWozu überhaupt
Workshops zu Gleichstellung?
Als ich vor einigen Jahren meinen Berufseinstieg in eine Nachwuchsforschungsgruppe hatte, erfuhr ich, dass ich Weiterbildungen in unterschiedlichen Themenfeldern besuchen muss. „Cool!“, dachte ich, „Weiterbildung ist immer gut!“. Die Tatsache, dass alle ESF-Plus-geförderten Nachwuchswissenschaffende Weiterbildungen im Bereich Gleichstellung besuchen müssen, nahm ich absolut positiv auf. Ich kam schließlich seit dem Studium auch bereits aus dem Themenfeld, für mich war das keine Schwierigkeit.
Bei den Besuchen unterschiedlicher Weiterbildungen stellte sich heraus, dass anderen Teilnehmenden oft nicht klar war, wieso sie sich dazu weiterbilden sollen.
Für mich zeigte sich darin, dass in den Weiterbildungen häufig zu wenig darauf eingegangen wird, welche strukturellen Benachteiligungen es innerhalb des Wissenschaftssystems noch immer gibt. Die Weiterbildung „Chancengerechtigkeit und Gleichstellung in der Wissenschaft – Ein interaktiver Workshop für wissenschaftlichen Nachwuchs“ von der Hochschule Zittau/Görlitz adressierte dieses Problem. Durch Inputs und Übungen konnten die Teilnehmenden verstehen lernen, wie unsichtbare Mechanismen zu Benachteiligungen führen, die selten durch offene Diskriminierung geschehen – wobei von diesen durchaus ebenso berichtet werden konnte!
Ansehnlich: Der Veranstaltungsort „CELSIUZ“ der Hochschule Zittau/Görlitz
Ich mach das doch schon längst,
warum soll ich da hin?Trotz meiner Sensibilisierung für das Thema stellte sich mir immer wieder die Frage, warum ich auch Jahre später dazu verpflichtet bin, solche Weiterbildungen zu besuchen, obwohl ich doch selber in diesem Bereich forsche und ebenso dazu befähigt bin, Workshops zu halten.
Im Laufe des Workshoptages begriff ich allerdings mehr und mehr, dass es durchaus auch mal guttut, sich selbst zu reflektieren.
Das bedeutet nicht, dass das nicht ständig Teil meiner Forschung wäre. Erfahrungsgemäß verlieren Menschen jedoch Aspekte aus den Augen, die nicht ständig präsent sind. So geht es selbstverständlich auch mir. Im Workshop wurden Themen rund um Diskriminierung und Gleichstellung präsent gemacht – und gaben mir so die Möglichkeit, sie mir wieder bewusst zu machen. Anhand der Übungen konnte ich nicht nur Anregungen für meine Forschung mitnehmen, sondern auch reflektieren, welchen Beitrag ich selbst leisten kann, um diskriminierenden Strukturen entgegen zu wirken.
Das Kennenlern-Spiel sah vor, von der Tischtennis-Platte einen Gegenstand auszuwählen, den man mit Gleichstellung verbindet. In der Vorstellungsrunde galt es dann zu erklären, wieso dieser Gegenstand gewählt wurde.
Triggerwarnung Abtreibung: Ich habe mich für den Kleiderbügel entschieden, weil zu Gleichstellung auch gehört, legale, professionelle Abtreibungen durchführen zu können. Wenn es an dieser grundlegenden Gesundheitsversorgung fehlt, ist es leider Alltag, lebensgefährliche Alternativen (beispielsweise den von mir ausgesuchten Kleiderbügel) wählen zu müssen.
Der Privilegien-Check
Wo stehe ich? Wo komme ich her?
Besonders beeindruckend bleiben mir die Übungen zu den Privilegien in Erinnerung. Selbstreflexion wurde angeregt, indem eine „Privilegienblume“ ausgefüllt wurde. Diese Übung war mir zwar bereits aus dem Studium bekannt, allerdings erfüllte es mich mit Staunen, vor Augen zu haben, wie sich Privilegien wandeln können.
Ich erinnerte mich genau, welchen Status ich als Studentin hatte – und konnte nun sehen, wie mein derzeitiger Status, z.B. als wissenschaftliche Mitarbeiterin, dazu beiträgt, gesicherter im Leben zu stehen als damals.
Bewusst wurde mir dabei aber auch, dass viele Menschen diese Möglichkeit nicht haben, sodass sich Privilegien zwar wandeln können, aber für die meisten nur in einem begrenzten Rahmen. Sehr viel hängt beispielsweise mit Arbeit zusammen. Würde ich beispielsweise arbeitslos, würde ich ebenfalls einen gewissen Status wieder abtreten.

Die Privilegienblume zeigt, wie man selbst in der Gesellschaft steht, dabei wählt und malt man aus, was am ehesten auf einen zutrifft: je mehr Blüten man innen ausmalt, desto mehr Privilegien genießt man, malt man dagegen eher äußere Blütenblätter aus, ist von einer eher schlechteren gesellschaftlichen Stellung auszugehen.
Didaktisch wertvolle Übungen sorgten für Basiswissen und ermöglichten Privilegien-Reflexion. Durch Meme-Humor wurden Sinnbedeutungen relevanter Begriffe erfasst; der Privilege Walk mit erfundenen Rollen zeigt, wie unterschiedlich Personen in der Gesellschaft positioniert sein können. Die Foto-Perspektive zeigt meinen Standpunkt am einen Ende des Raumes, da ich das Rollenkärtchen mit der privilegiertesten Rolle gezogen habe (ein weißer MINT-Professor, yay!) – es wird deutlich, dass sich die Rollen mit den schlechter gestellten gesellschaftlichen Positionen auf der anderen Raumseite befinden.
Auch mit Fallbeispielen wurde gearbeitet, sodass wir anhand dessen diskutieren konnten, welche Biases und Diskriminierungsformen der jeweiligen Situation zuordenbar sind.
Die Kursleiterinnen Bernadette Rohlf (links im Bild) und Julia Ochmann (rechts) waren so freundlich, ein Foto mit mir (Mitte) aufzunehmen.
Fazit
Man lernt nie aus
Eines ist sicher: solche Sensibilisierungsworkshops braucht es nicht nur beim Nachwuchs! Aus diesem Grund nehme ich den Workshop als Anregung mit nach Hause und nehme mir vor, auch andere davon zu überzeugen, öfter Mal zu reflektieren. Die Weiterbildung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, immer wieder über sich selbst und die eigene Positionierung innerhalb der Gesellschaft nachzudenken. Das ist aus meiner Sicht nicht nur wichtig für mich als Individuum, sondern auch für meine Forschung.
Ich bin zudem davon überzeugt, dass dies nicht nur für mich, sondern für alle Personen im Hochschulbereich gilt.
Ich würde mir daher wünschen, dass Weiterbildungen wie diese, ähnlich wie Arbeitsschutzbelehrungen, in regelmäßigen Abständen zur Pflicht würden.


