Zwischen Espresso und Engineering
Doktorandenbetreuung zwischen Rom und MittweidaInternationale Kooperationen zwischen Hochschulen werden häufig anhand von Zahlen, institutionellen Vereinbarungen oder wissenschaftlichen Publikationen beschrieben. Wesentlich seltener wird jedoch über die Menschen hinter diesen Kooperationen gesprochen – über den gemeinsamen Arbeitsalltag, den fachlichen Austausch und den konkreten Mehrwert, den solche Erfahrungen für die beteiligten Forschungsgruppen schaffen.
Im Wintersemester 2025/26 hatten wir die Möglichkeit, den Doktoranden Alfio Scuderi von der Università Niccolò Cusano in Rom an der Hochschule Mittweida im Rahmen eines Forschungssemesters zu betreuen. Der Aufenthalt konzentrierte sich thematisch auf additive Fertigungstechnologien und faserverstärkte thermoplastische Materialien.
Bereits nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass der Aufenthalt weit über einen klassischen Forschungsaufenthalt hinausgehen würde. Er entwickelte sich zu einer wertvollen Erfahrung des wissenschaftlichen Austauschs, der interkulturellen Zusammenarbeit und der gemeinsamen Weiterentwicklung bestehender Forschungsfelder.
Wie alles begann
Der Ursprung der Zusammenarbeit zwischen Rom und Mittweida
Der Forschungsaufenthalt von Alfio Scuderi entstand im Rahmen einer bereits bestehenden Kooperation zwischen der Hochschule Mittweida und der Università Niccolò Cusano, zu der Dr. Flaviana Tagliaferri Kontakt hält. Bei den regelmäßigen NextGen Austauschformaten berichtete sie dem Team von der Kooperation. So wurde Dr. Hagen Bankwitz auf die Möglichkeit der Betreuung eines Austauschdoktoranden aufmerksam und alles kam ins Rollen. Die Hochschule Mittweida ermöglichte die Rahmenbedingungen, Hagen Bankwitz konnte die notwendigen Laborressourcen bereitstellen und den Doktoranden in ein bereits laufendes Forschungsprojekt integrieren. Dadurch konnten die wissenschaftlichen Arbeiten ohne größere Vorlaufzeit gestartet werden.
Schon in den ersten Wochen zeigte sich, dass aus der engen Zusammenarbeit mehr entstehen könnte als ein einzelnes Auslandssemester. Der tägliche fachliche Austausch legte schnell die Grundlage für eine intensivere und langfristige wissenschaftliche Kooperation.
Wenn 3D-Druck auf UD-Tapes trifft
Neue Wege der Bauteilverstärkung
Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit stand die Kombination von FLM-3D-Druck (Fused Layer Modeling) mit thermoplastischen UD-Tapes (unidirektionale faserverstärkte Tapes) zur strukturellen Verstärkung additiv gefertigter Bauteile. Ein bekanntes Problem vieler 3D-gedruckter Komponenten ist ihre vergleichsweise geringe mechanische Belastbarkeit im Vergleich zu konventionell gefertigten Bauteilen –aufgrund der anisotropen Eigenschaften des schichtweisen Fertigungsprozesses insbesondere bei Biegebeanspruchungen.
Ziel des Projekts war es daher zu untersuchen, wie sich durch den gezielten Einsatz unidirektionaler faserverstärkter Tapes die mechanische Festigkeit und Steifigkeit der gedruckten Probekörper erhöhen lässt.
Während des Forschungssemesters wurden:
- Probekörper für 3-Punkt-Biegeversuche entwickelt und gefertigt,
- Verstärkungen mit UD-Tapes appliziert,
- experimentelle Testreihen geplant und durchgeführt,
- mechanische Kennwerte ermittelt und ausgewertet,
- sowie verschiedene Verstärkungskonzepte miteinander verglichen.
Mögliche Anwendungen dieser Technologie reichen von Fahrradkomponenten über leichte Strukturbauteile bis hin zur lokalen Verstärkung komplexer additiv gefertigter Geometrien.
Der Wert gemeinsamer Betreuung
Aus menschlicher und professioneller Sicht war einer der interessantesten Aspekte des Aufenthalts die gemeinsame Betreuung des Doktoranden. Die Betreuung eines Promovierenden aus einer anderen Hochschule bedeutet nicht nur den Austausch unterschiedlicher wissenschaftlicher Ansätze, sondern auch das Kennenlernen verschiedener Arbeitsweisen, Kommunikationskulturen und Organisationsformen innerhalb der Forschung.
In unserem Fall brachte die kontinuierliche Zusammenarbeit Vorteile für alle Beteiligten:
- Der Doktorand konnte in einem neuen wissenschaftlichen Umfeld arbeiten und Zugang zu ergänzenden Laboren, Methoden und Kompetenzen erhalten.
- Die aufnehmende Forschungsgruppe profitierte von qualifizierter technischer Unterstützung und neuen methodischen Perspektiven.
- Die Betreuenden entwickelten neue Projektideen und vertieften ihre wissenschaftliche Zusammenarbeit.
Ein oft unterschätzter Aspekt solcher Aufenthalte ist der gemeinsame Arbeitsalltag. Spontane technische Diskussionen, Problemlösungen im Labor, Datenauswertung und die Planung von Experimenten werden zu wichtigen Momenten gegenseitigen Lernens.
Die internationale Dimension der Forschung
Neben den wissenschaftlichen Ergebnissen hatte das Forschungssemester auch eine starke internationale und interkulturelle Komponente. Die Integration in ein neues akademisches Umfeld erfordert Offenheit, Anpassungsfähigkeit und Kommunikationsbereitschaft. Gleichzeitig profitiert auch das aufnehmende Team von neuen kulturellen und fachlichen Perspektiven.
Gerade im Bereich der angewandten und interdisziplinären Forschung stellen solche Erfahrungen einen echten Mehrwert dar:
- Sie fördern den Aufbau internationaler wissenschaftlicher Netzwerke.
- Sie erleichtern zukünftige gemeinsame Projekte.
- Sie unterstützen die fachliche Entwicklung junger Forschender.
Sie stärken die europäische Dimension akademischer Ausbildung und Forschung.
Vom Labor in die Fachzeitschrift
Eine besonders interessante Entwicklung des Projekts war der direkte Übergang von der experimentellen Arbeit zur gemeinsamen wissenschaftlichen Publikation. Die im Laufe des Semesters erzielten Ergebnisse erwiesen sich als vielversprechend für die gemeinsame Erstellung eines wissenschaftlichen Fachartikels. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags war der Artikel bereits bei einer internationalen Fachzeitschrift eingereicht und positiv begutachtet worden.
Link zur Veröffentlichung:
Dies verdeutlicht einen zentralen Aspekt gut strukturierter akademischer Mobilität. Sind gemeinsame Ziele, gegenseitige Unterstützung und eine echte Integration in die Forschungsgruppe vorhanden, können selbst vergleichsweise kurze Aufenthalte nachhaltige wissenschaftliche Ergebnisse hervorbringen.
At Mittweida University, I was able to make use of resources that aren’t available to me at my university in Rome. The months I spent in Mittweida have been instrumental in advancing my research work.
(An der HSMW habe ich Ressourcen nutzen können, die mir an meiner Universität in Rom nicht zur Verfügung stehen. Die Monate in Mittweida haben mich in meiner Arbeit entscheidend weitergebracht.)
Alfio Scuderi
Promovend an der Università Niccolò Cusano
Zurückschauen, um nach vorn zu gehen
Rückblickend stellt der Forschungsaufenthalt von Alfio Scuderi an der Hochschule Mittweida ein gelungenes Beispiel dafür dar, wie internationale Zusammenarbeit zwischen Hochschulen sowohl wissenschaftlich als auch menschlich bereichernd sein kann.
Für uns als Betreuende hat diese Erfahrung erneut gezeigt, dass internationale Doktorandenbetreuung weit mehr ist als reine Ausbildungsunterstützung. Sie ist ein Prozess gemeinsamen Lernens, fachlicher Weiterentwicklung und langfristiger Netzwerkbildung.
In einer Zeit, in der Forschung zunehmend interdisziplinär und international ausgerichtet ist, zeigen solche Erfahrungen, wie wichtig Räume für gemeinsamen wissenschaftlichen Austausch und Kooperation sind.



