Kein Allheilmittel

Wer unbedarft an das Thema Erklärvideo herangeht, könnte meinen, die Produktion ginge schnell von der Hand, kostet wenig bis nichts und bringt einen riesigen Nutzen mit sich. Was ist dran an diesen drei Mythen?

Wenn die Corona-Pandemie uns Mitarbeitern einer Bildungseinrichtung eines gelehrt hat, dann den Einsatz digitaler Lehrkonzepte.

Kerstin Strangfeld
Prozessmanagerin NextGen

Vorwissen

Nach zwei nahezu voll-digitalen Semestern als Unterstützerin mehrerer Professoren und Dozent*innen in der Hochschullehre könnte ich nun ein Resümee zur Lernplattform OPAL, Video-Vorlesungen in Zoom und Online-Prüfungen mit ONYX ziehen, mache ich aber nicht. In diesem Beitrag konzentriere ich mich auf meine Erfahrungen mit Lehr- und Erklärvideos, die zum Einsatz kamen.

Erklärvideos sind (meist) kurze Filme, die Zusammenhänge oder Funktionsweisen erläutern und typischerweise als Legebilder oder Animationen auftreten. Aber auch reale Aufnahmen mit diesem Charakter werden als Erklärvideos bezeichnet. Beide Varianten, also Animation und Realvideoclip, habe ich produziert und zum Einsatz gebracht. Zu beiden Varianten möchte ich meine Erfahrungen erläutern.

Noch eines vorweg. Ich hatte zuvor kein tieferes Vorwissen zu Medientechnik, Filmschnitt, Soundbearbeitung oder Drehbüchern. Jetzt habe ich es. Allerdings war ich schon zuvor bewandert in Print- und Onlinegestaltung, Contentmanagement, Didaktik und Methodik sowie E-Learning.

Erklärvideo als Realfilm

Erklärvideoals Realfilm

Nehmen wir das Beispiel optische Lichtbrechung. Zu diesem Thema findet (normalerweise) ein Praktikum im Modul Naturwissenschaftliche Grundlagen bei Dr. Inga Eichentopf statt. Zur Vorbereitung auf das Labortestat habe ich mit ihr gemeinsam ein Realvideo erstellt, welches den tatsächlichen Aufbau des Praktikums zeigt und die gestellten Aufgaben erläutert.

Da wir die komplette Laborausrüstung zur Verfügung hatten, hätte ein animierter Film nicht dieselbe Wirkung entfalten können wie echte Aufnahmen. Die Produktion wurde mit einem vergleichsweise geringen Budget, nur ca. 2000,- für die komplette Kamera-, Ton- und sonstige Technik, auf gutem Niveau umgesetzt, jedoch darf der dazugehörige Aufwand nicht unterschätzt werden. Da ich mich erst noch in die Medientechnik und das kostenfreie Videoschnittprogramm DaVinci Resolve einarbeiten musste, blieben die benötigten Stunden ungezählt. Hätte ich kein Sommerloch für Experimente zur Verfügung gehabt, wäre diese Produktion unmöglich gewesen.

Was ich gelernt habe:

  • Wie wichtig Drehbücher sind (!)
  • Typische von Streamern verwendete Hardware als Filmtechnik ist preiswert und bringt eine gute Qualität.
  • Ein Videoschnittprogramm kann zunächst ziemlich überfordernd wirken.
  • Die Nachsynchronisation von Off-Texten dauert meist länger als gedacht.
  • Ein leistungsschwacher PC erschwert die Videoverarbeitung ganz enorm.

Das Resultat kam sehr gut bei den Studierenden an und hatte in der Corona-Zeit den großen Nutzen, dass das Praktikum nicht vollständig ausfallen musste.

Erklärvideo als Animationsfilm

Erklärvideo als Animationsfilm

Mehr und längere Erfahrung habe ich mit Animationsfilmen sammeln können. Beispielsweise habe ich die Vorstellung des Studiengangs Energie- und Umweltmanagement in einem animierten Videoclip umgesetzt. Animationsfilme machen aus meiner Sicht nur dann Sinn, wenn ein Thema auf sehr spezielle Weise betrachtet wird, oder es komplett neu ist. Der Grund dafür ist einfach: Youtube und andere Videokanäle bieten eine Vielzahl sehr guter Videos zu verschiedensten Themen, die hervorragend in die Lehre eingebunden werden können (zum Beispiel Videos des Simpleclub).

Durch die Erstellung von animierten Videos für Pilotprojekte und Testprodukte eines hochschulischen Kooperationspartners habe ich sehr viel Erfahrung mit dem Videoanimations-Tool Vyond sammeln können. Die Animationsfilme lassen sich auf intuitive Weise zusammenklicken, aber auch hier ist der Arbeitsaufwand nicht gering. Ca. 40 Arbeitssunden stecken in einem (etwas aufwendigeren) eineinhalb bis zweiminütigen, synchronisierten Videoclip. Die Software Vyond kostet im Jahr 649,- US $, wobei ich immer auf die Rabattaktion auf 519,- US $ gewartet habe.

Was ich gelernt habe:

  • Hochdeutsch sprechen.
  • Drehbücher schreiben und abstimmen
  • Tontechnik ist ein Muss!
  • Wie wichtig Storytelling ist.
  • Timing von Animationen und Dialogen
  • Dass Vyond leicht zu erlernen, aber schwer zu meistern ist.
  • Wie wenig Inhalt in einen Film passt (Didaktische Reduktion).

Welcher Mythos stimmt

Welcher Mythos stimmt

Einen der Mythen kann ich bestätigen. Erklärvideos lockern die Lehre unheimlich auf. Auch wenn sie nur wenig Inhalt transportieren können, anspruchsvoll in der Produktion und (besonders was Arbeitsstunden betrifft) vergleichsweise teuer sind, können sie viel mehr Spaß am Lernen vermitteln, als es beispielsweise ein Text je könnte.

Auch ungeschnittene Live-Aufzeichnungen können nicht mit einer Erklärvideo-Produktion mithalten, da die Wiederholung der Inhalte in den Takes dazu führt, dass nur die beste und sympathischste Aufzeichnung im Endprodukt zum Einsatz kommt.

Mein Fazit

Mein Fazit lautet, dass der Einsatz selbst erstellter Erklärvideos wohl überlegt sein sollte. Ich halte sie als Einstieg in ein Thema für besonders geeignet. In dieser exponierten Position wiegen sie das Aufwand- Nutzen- Verhältnis am ehesten auf und erzeugen den gewünschten Auflockerungseffekt.