Lehre / Didaktik

Zwischen Kontrolle und Umsetzbarkeit

Bilyal KhassenovLehre / Didaktik Leave a Comment

Zwischen Kontrolle und Umsetzbarkeit

Safe Exam Browser in digitalen Prüfungsszenarien
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24. März 2026
Titelbild erstellt mit Google Gemini

Die Rahmenbedingungen digitaler Prüfungen haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Insbesondere durch die hohe Verfügbarkeit von KI-Werkzeugen ist es für Studierende heute sehr einfach geworden, sich in kürzester Zeit Antworten, Formulierungen oder sogar vollständige Lösungswege generieren zu lassen. Was technisch beeindruckend ist, stellt Hochschulen zugleich vor eine grundlegende Herausforderung: Wie kann in digitalen Prüfungsszenarien verlässlich sichergestellt werden, dass die eingereichten Leistungen tatsächlich von den Studierenden selbst stammen?

In Grundlagenveranstaltungen ist die Überprüfung individueller Basiskenntnisse und Denkweisen essenziell. Werden diese zentralen Kompetenzen nicht frühzeitig sichergestellt, beeinträchtigt dies den gesamten weiteren Studienverlauf.

Daher gewinnen technische Schutzmechanismen in digitalen Prüfungen an Bedeutung. Eine naheliegende Lösung besteht in der Nutzung von sogenannten Lockdown-Browsern. Sie helfen dabei, den Zugriff auf nicht erlaubte Ressourcen während der Prüfung technisch einzuschränken und damit den Prüfungsraum digital abzusichern. Für viele Hochschulen ist dabei der Safe Exam Browser besonders interessant, weil er als etablierte Open-Source-Lösung kostenlos verfügbar ist und damit eine transparente Alternative zu kommerziellen Proctoring-Systemen darstellt.

Zwischen Prüfungsintegrität und Praktikabilität

Bei digitalen Prüfungen prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite steht das Versprechen kommerzieller Proctoring-Dienste nach lückenloser Überwachung durch Mensch und KI. Auf der anderen Seite wachsen die Zweifel an der datenschutzrechtlichen Zulässigkeit, der technischen Komplexität und der Akzeptanz durch die Studierenden.

Sinnvoll erscheint daher die Suche nach pragmatischen Lösungen, die den Prüfungsprozess absichern, ohne unnötig tief in die Privatsphäre der Studierenden einzugreifen oder erhebliche zusätzliche Kosten zu verursachen. Genau an dieser Stelle kann die Kombination aus Safe Exam Browser und einer separaten Videoaufsicht eine interessante Option sein.

Der Grundgedanke ist einfach: Der Lockdown-Browser schützt die eigentliche Prüfungssituation auf dem Prüfungsgerät. Eine zusätzliche Webkonferenz kann genutzt werden, um die Studierenden während der Bearbeitung im Blick zu behalten und zumindest offensichtliche Täuschungsversuche zu erkennen. Das ersetzt keine absolute Kontrolle, schafft aber ein deutlich robusteres Prüfungssetting als eine ungesicherte Online-Klausur im herkömmlichen Browser.

Warum nicht einfach wieder alles im PC-Pool?

Eine naheliegende Antwort auf diese Herausforderungen wäre, digitale Klausuren ausschließlich vor Ort in hochschulischen PC-Pools durchzuführen. Dort lassen sich Hard- und Software standardisieren, Geräte zentral administrieren und Prüfungsbedingungen vergleichsweise einheitlich herstellen. In der Theorie ist das ein sehr kontrollierbares Szenario.

In der Praxis ist dieser Weg jedoch oft mit einem erheblichen Infrastrukturbedarf verbunden. Es müssen ausreichend viele Rechner gleichzeitig verfügbar sein, die Räume müssen reserviert werden, die Systeme müssen gewartet und vorbereitet werden, und auch personell ist ein solcher Prüfungsbetrieb aufwendig. Nicht jede Hochschule verfügt in ausreichendem Maß über entsprechende Kapazitäten, insbesondere dann nicht, wenn mehrere große Prüfungen parallel stattfinden oder wenn ganze Studiengänge digital geprüft werden sollen.

Hinzu kommt, dass digitale Prüfungen nicht immer nur als Präsenzszenario gedacht werden können. Es gibt durchaus Situationen, in denen Online-Klausuren organisatorisch sinnvoll oder sogar notwendig sind – etwa dann, wenn Studierende sich vorübergehend im Ausland aufhalten, Praxisphasen absolvieren oder aus anderen Gründen nicht ohne Weiteres vor Ort an der Hochschule erscheinen können. Für solche Fälle müssen ebenfalls tragfähige und faire Lösungen gefunden werden.

Sichere digitale Klausuren mit SafeExamBrowser

Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für Hochschulen
Mein erster Beitrag in dieser Reihe beschreibt den Safe Exam Browser als eine erprobte Lösung für faire digitale Klausuren. Im Beitrag schildere ich die Erfahrungen an der Hochschule Mittweida mit Prüfungen in PC-Pools in einer kontrollierten Umgebung. Dabei erläutere ich sowohl die notwendigen technischen Voraussetzungen als auch organisatorische Maßnahmen, um sichere und zuverlässige Prüfungsbedingungen gewährleisten zu können.
zum ersten Beitrag zum Safe Exam Browser

Bring your own device als praktikable Alternative

Vor diesem Hintergrund sind Bring-Your-Own-Device-Szenarien (BYOD) eine interessante Alternative. Studierende bringen ihren eigenen Laptop mit und absolvieren die Klausur auf einem ihnen vertrauten Gerät. Für die Hochschule reduziert sich damit der Bedarf an zentral bereitgestellten Prüfungsrechnern erheblich.

Allerdings verschiebt sich die Herausforderung in diesem Modell von der Hardwarebereitstellung hin zu den Rahmenbedingungen. Damit digitale Prüfungen in BYOD-Szenarien zuverlässig funktionieren, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Besonders wichtig ist zunächst, dass das WLAN der Hochschule ausreichend leistungsfähig ist. Wenn viele Studierende gleichzeitig mit ihren eigenen Geräten auf Prüfungsplattformen, Zusatzdienste und gegebenenfalls Videokonferenzen zugreifen, darf die Netzwerkinfrastruktur nicht zum Engpass werden.

Ebenso relevant ist die Stromversorgung. Wer mit dem eigenen Gerät eine mehrstündige digitale Klausur schreibt, muss sich darauf verlassen können, dass ausreichend Lademöglichkeiten vorhanden sind. Gerade in größeren Räumen oder bei älterer Gebäudestruktur ist das keine triviale organisatorische Frage. BYOD kann daher nur dann wirklich funktionieren, wenn technische und räumliche Voraussetzungen mitgedacht werden.

Der konkrete Mehrwert von Safe Exam Browser

Trotz aller organisatorischen Fragen bleibt der technische Schutz des Prüfungsgeräts ein zentraler Baustein. Genau hier bietet Safe Exam Browser einen wichtigen Vorteil. Der Browser reduziert die Möglichkeit, während der Prüfung unbemerkt andere Webseiten, Hilfsmittel oder Kommunikationskanäle zu nutzen. In einer Zeit, in der KI-Systeme in Sekunden gute Antworten generieren können, ist diese technische Absicherung kein Nebenaspekt mehr, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Prüfungsintegrität.

Das gilt besonders für solche Prüfungen, bei denen Basiswissen, methodische Grundlagen oder grundlegende Problemlösekompetenzen überprüft werden sollen. Wenn Studierende in diesen Situationen jederzeit parallel externe Hilfen oder KI-Werkzeuge verwenden könnten, wäre der Aussagewert der Prüfung stark eingeschränkt. Ein Lockdown-Browser schafft hier keine absolute Sicherheit, erhöht aber die Hürde für unerlaubte Hilfen deutlich und stärkt damit die Aussagekraft der Prüfungsleistung.

Die praktische Schwierigkeit

Webkonferenzen unter macOS

In der praktischen Umsetzung zeigt sich allerdings, dass technische Lösungen nicht auf allen Plattformen gleich gut funktionieren. Insbesondere bei der Kombination von Safe Exam Browser mit einer parallelen Webkonferenz zeigt sich in vielen Szenarien ein deutlicher Unterschied zwischen Windows- und Apple-Geräten.

Unter Windows ist es in den meisten Fällen vergleichsweise unproblematisch, neben der eigentlichen Prüfungsumgebung eine zusätzliche, freigegebene Webseite – etwa für eine BigBlueButton-Sitzung – zu nutzen. Studierende können somit die Klausur im Safe Exam Browser bearbeiten und gleichzeitig an einer zugelassenen Videokonferenz teilnehmen, über die die Aufsicht erfolgt.

Bei macOS ist diese Integration in der Praxis deutlich schwieriger. Dort treten im Zusammenhang mit Kameraaktivierung häufiger Probleme auf. Das führt dazu, dass Studierende mit Apple-Geräten in solchen Szenarien unter Umständen nicht zuverlässig mit aktivierter Kamera an der begleitenden Webkonferenz teilnehmen können. Für Prüfungen ist das ein ernstzunehmendes Problem, weil damit die geplante Form der Aufsicht nicht für alle Teilnehmenden gleichermaßen funktioniert.

Eine theoretische Alternative wäre, auf den Geräten bestimmte zusätzliche Anwendungen gezielt zu erlauben. Auch das ist jedoch in BYOD-Szenarien nur begrenzt praktikabel. Studierende nutzen unterschiedliche Systemversionen, individuelle Installationspfade und unterschiedliche Gerätekonfigurationen. Was auf einem Gerät sauber funktioniert, kann auf dem nächsten bereits an einer kleinen Abweichung scheitern. Gerade bei größeren Prüfungsgruppen ist eine solche Lösung organisatorisch oft zu fragil.

Ein pragmatischer Ansatz

Hauptgerät plus Zweitgerät

Beispielbild zur Nutzung eines Zweitgeräts während der Prüfung wurde erstellt mit Google Gemini

Aus solchen Erfahrungen heraus kann sich ein anderer Weg als praktikabler erweisen. Die eigentliche Klausur wird auf dem Hauptgerät im Safe Exam Browser bearbeitet. Für die Teilnahme an der Webkonferenz wird zusätzlich ein zweites Gerät genutzt, typischerweise ein Smartphone oder ein weiteres mobiles Endgerät.

Diese Lösung ist zwar auf den ersten Blick weniger elegant als eine vollständige Integration aller Funktionen auf einem einzigen Gerät, in der Praxis ist sie jedoch viel robuster. Sie umgeht viele plattformabhängige Schwierigkeiten, reduziert die Komplexität auf dem Prüfungsgerät und sorgt dafür, dass die Videoaufsicht unabhängig vom verwendeten Betriebssystem verlässlich umgesetzt werden kann.

Gleichzeitig erfüllt dieses Vorgehen den eigentlichen Zweck der begleitenden Videoaufsicht: Die Aufsichten können sehen, ob die geprüfte Person während der Klausur auffällig häufig zur Seite blickt, mit anderen Personen interagiert oder offensichtlich versucht, zusätzliche Hilfsmittel zu verwenden. Es geht also weniger um eine lückenlose Totalüberwachung als um eine praktikable Form der Sichtkontrolle, die in einem digitalen Prüfungsszenario einen realen Mehrwert bietet.

Überblick über mögliche Umsetzungsvarianten

Für die Durchführung digital abgesicherter Klausuren bieten sich grundsätzlich mehrere organisatorische Varianten an. Welche Lösung geeignet ist, hängt insbesondere von der vorhandenen Infrastruktur, den räumlichen Bedingungen und der Zusammensetzung der Studierendengruppe ab. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Optionen zusammen:

Klausur im PC-Pool der Hochschule
Die Prüfung wird auf zentral bereitgestellten Hochschulrechnern in dafür vorgesehenen PC-Pools durchgeführt.
Einheitliche technische Umgebung; Geräte können zentral vorbereitet und administriert werden; gute Kontrollierbarkeit der Prüfungsbedingungen vor Ort.
Hoher Infrastrukturbedarf, da genügend Rechner gleichzeitig verfügbar sein müssen; Räume müssen in ausreichender Zahl vorhanden sein; Wartung und Vorbereitung sind aufwendig; in der Praxis können trotz Vorbereitung unerwartete Systemmeldungen auftreten, etwa Hinweise auf anstehende Windows-Neustarts zur Installation von Updates, die sich nicht immer zuverlässig vorhersagen oder vermeiden lassen.

Bring-Your-Own-Device (BYOD)
Studierende bringen ihre eigenen Laptops mit und schreiben die Klausur auf ihren persönlichen Geräten, z. B. mit Safe Exam Browser.
Geringerer Bedarf an hochschuleigener Hardware; flexible Organisation; vertraute Geräte für die Studierenden.
Hohe Anforderungen an die Rahmenbedingungen: leistungsfähiges und stabiles WLAN, ausreichend Lademöglichkeiten und geeignete Räume müssen vorhanden sein; unterschiedliche Gerätekonfigurationen können zusätzlichen Supportaufwand verursachen; technische Unterschiede zwischen den Endgeräten lassen sich nur begrenzt standardisieren.

Online-Klausur
Die Prüfung wird ortsunabhängig auf dem Hauptgerät durchgeführt. Die Aufsicht wird über ein zusätzliches mobiles Zweitgerät abgesichert, das in der Nähe positioniert wird und an einer Webkonferenz teilnimmt.
Hohe räumliche Flexibilität; geeignet auch für Situationen, in denen Studierende nicht vor Ort sein können, etwa bei Auslandsaufenthalten; keine Bindung an PC-Pools; durch das Zweitgerät kann eine einfache visuelle Aufsicht realisiert werden.
Technisch anspruchsvoll, da die Prüfungsumgebung und die Aufsicht zuverlässig zusammenspielen müssen; eine stabile Internetverbindung ist zwingend erforderlich; bei der Einbindung einer Videoüberwachung treten insbesondere bei Mac-Rechnern praktische Probleme auf, wenn versucht wird, zusätzlich zur abgesicherten Prüfung eine Webkonferenz mit Kamera zu nutzen; daher ist die Lösung mit einem separaten mobilen Zweitgerät oft robuster als eine vollständige Integration auf nur einem Gerät.
Unabhängig von der gewählten Umsetzungsvariante ist es sehr empfehlenswert, vor der eigentlichen Prüfung eine Probeklausur oder zumindest eine technische Simulation durchzuführen. Auf diese Weise lassen sich viele typische Probleme – etwa bei der Anmeldung, der Netzverbindung, der Kameranutzung, der Konfiguration von Safe Exam Browser oder der allgemeinen Gerätekompatibilität – bereits im Vorfeld erkennen und klären. Dadurch kann das Risiko technischer Störungen während der tatsächlichen Prüfungsdurchführung deutlich reduziert werden.

Fazit

Die breite Verfügbarkeit leistungsfähiger KI-Werkzeuge macht es notwendiger denn je, Prüfungsformate so zu gestalten, dass individuelle Leistungen tatsächlich überprüfbar bleiben. Lockdown-Browser wie Safe Exam Browser können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Sie sind kein Allheilmittel, aber ein sinnvoller technischer Baustein, um digitale Klausuren abzusichern. Zugleich zeigt die Praxis, dass die Kombination aus Prüfungsbrowser und paralleler Videoaufsicht nicht auf allen Plattformen gleich reibungslos funktioniert. Insbesondere bei Apple-Geräten stoßen solche Setups im Alltag an Grenzen.

Statt auf möglichst komplizierte Ein-Gerät-Lösungen zu setzen, kann deshalb ein pragmatischer Ansatz oft die bessere Wahl sein: Die Klausur läuft auf dem abgesicherten Hauptgerät, die Aufsicht über ein separates Zweitgerät. Für Hochschulen, die kostengünstige, offene und organisatorisch realistische Lösungen suchen, kann genau darin ein tragfähiger Weg liegen.

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