Hintergrund

In den letzten neun Jahren schaffte es die AG FoSIL (Forensic Science Investigation Lab) an der Hochschule Mittweida Kooperationen mit zahlreichen Strafverfolgungsbehörden zu etablieren. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit erhielt ich als forschendes Mitglied der Arbeitsgruppe eines Tages den Auftrag eine automatisierte Lösung zur Analyse von Kurznachrichten zu entwickeln. Schnell stellte sich heraus, dass dieses simple anmutende Problem tatsächlich außerordentlich schwer zu lösen ist.

Die Gründe hierfür liegen vor allem in der Kombination der grundlegenden Charakteristik forensischer Texte (strukturelle und inhaltliche Heterogenität, Anreicherung mit nicht textbasierte Daten, sozio-kulturelle Schreibvarianten, etc.) und einer hohen Informationsdichte, die sich zum einen aus der Beschränkung der zur Verfügung stehenden Anzahl von 160 Zeichen, andererseits aus der Art ihrer Verwendung ableitet. Insbesondere werden derartige Nachrichten oft als eine Art „Nebenbei-Nachricht“ versendet, weshalb ihr Kontext für Außenstehende vielfach im Dunkeln bleibt.

Prinzipiell stehen Ermittler vor der Herausforderung alle Nachrichten vollständig lesen, bewerten und ggf. fallrelevante Informationen extrahieren zu müssen. In vielen Fällen befinden sich auf mobilen Endgeräten mehrere Tausend Nachrichten, welche oftmals von Subsprache dominiert werden, was es selbst für Ermittler mit jahrelanger Erfahrung schwer macht, diese Texte zu lesen. Darüber hinaus ist der reine Zeitaufwand zur manuellen Bewältigung dieser Aufgabe so enorm, dass er sich oft nur in Fällen mittlerer oder schwerer Kriminalität (hierzu zählen insbesondere gewerbsmäßige oder Bandenkriminalität) mit hohem öffentlichem Interesse rechtfertigen lässt.

Die richtungsweisende Entwicklung neuer Methoden zur Kriminalitätsbekämpfung kann […] nur in enger Zusammenarbeit von Forschungsinstitutionen und Ermittlungsbehörden erfolgreich sein.

Klaus Fleischmann
ehem. Generalstaatsanwalt des Freistaates Sachsen, 2016

Prototyp

Mit dem Mobile Network Analyzer (MoNA) konnte ich, im Rahmen meiner Dissertation, in den darauffolgenden Jahren eine umfassende Plattform zur Analyse mobiler Kommunikation entwickeln. Das Konzept basiert auf der Erkenntnis, dass, aufgrund der Einzigartigkeit jedes einzelnen Falles, nur eine interaktive Lösung, unter Einbeziehung der Erfahrung und des Fallwissens eines Ermittlers, erfolgreich sein kann.

Das Herzstück bildet dabei ein semantisches Wörterbuch in Form eines Begriffsgraphen. Dieser verknüpft einzelne Schlüsselbegriffe und Muster zu komplexen semantischen Ketten. Jeder Begriff wird dabei nicht als einfache Erscheinungsform eines Wortes, sondern als Vektor möglicher Erscheinungsformen inkl. Synonyme und fremdsprachlicher Varianten repräsentiert.

Herzstück von MoNA: ein semantisches Wörterbuch in Form eines Begriffsgraphen.
Verknüpfung von Schlüsselbegriffen und Mustern zu komplexen semantischen Ketten.

Die Analyse des individuellen Gesprächsverhaltens einzelner Teilnehmer ermöglicht darüber hinaus die Gruppierung von Nachrichten zu Gesprächen, wodurch nicht mehr nur eine Nachricht, sondern ein ganzes Gespräch als Suchtreffer an den Ermittler zurückgeliefert werden kann. Der dadurch erzielte Kontexterhalt erleichtert die Interpretation der Ergebnisse erheblich.

Transfer in die Praxis

Von diesem Lösungsansatz konnten zwischenzeitlich verschiedene Landeskriminalämter, Polizeidirektionen und Generalstaatsanwaltschaften überzeugt werden, welche mittlerweile MoNA im Praxistest erproben.

Das LKA Baden-Württemberg finanziert darüber hinaus die Weiterentwicklung bis 2023 und ermöglicht damit die langfristige Implementierung weiterer intelligenter Services, welche die Software zu einer international konkurrenzfähigen Analyselösung für mobile Endgeräte machen.
Aktuell plant die Firma NUIX, einer der weltweiten Marktführer im Bereich forensischer Softwarelösungen und Services, parallel die Integration von MoNA in Ihre Systemlandschaft.

Dieser Erfolg sichert nicht nur die Nachhaltigkeit der Software, sondern zementiert die Bedeutung der Hochschule Mittweida als Standort exzellenter Anwendungsforschung.