Und plötzlich ist die Stimme weg

Stellen Sie sich vor, Ihnen stehen drei Tage Blockveranstaltung infolge bevor, jeweils von 8:00 bis 17:15 Uhr.

Was geht Ihnen durch den Kopf? –

Habe ich den Unterricht gut vorbereitet? Sind aktivierende Aufgaben enthalten…

Gute Gedanken, aber mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie Sie mit Ihrer Stimme haushalten, damit Ihnen diese nicht während der Veranstaltung wegbricht. Eine ungeschulte Benutzung der Stimme führt nämlich nicht selten zu Heiserkeit oder gar einem temporären Verlust der Stimme am dritten oder vielleicht schon am zweiten Tag.

Dies war einer der Gründe, warum sich das NextGen Team ein Stimmtraining für Hochschullehrende gewünscht hat. Auch die Klangfarbe der Stimme, besseres Pausensetzen und Betonen und das verständliche Leisesprechen wurden als Workshopinhalte gewünscht. Der diplomierte Sprechwissenschaftler Thomas Hoffmann hat sich deshalb zwei Tage lang mit unseren Stimmen beschäftigt und uns individuelle Tipps und Feedback gegeben. Diese schlossen wir mit einer geschulten Analyse im realen Umfeld in einem Hörsaal ab.

Atmung, Stimmgebung, Klangformung und Körperhaltung hängen zusammen. An all diesen Aspekten arbeiten wir beim Stimmtraining.

Thomas Hoffmann
Diplom Sprechwissenschaftler

Aber ich weiß doch, wie man spricht!

Ganz egal, ob in Präsenz oder digital und ob klassisch mit Tafel oder neuen Medien, kann die Hochschullehre auf eines nicht verzichten – die mündliche Kommunikation. Das macht die Stimme zum wichtigsten Werkzeug von Dozierenden.

Nun könnte man denken, dass wir unsere Stimme zu benutzen wüssten, da wir sie doch täglich einsetzen. Ein mancher tut es vielleicht bereits unbewusst. Wie bei jedem Werkzeug, kann die richtige Benutzung der eigenen Stimme aber zusätzlich geschult werden. Was die Stimme zu leisten vermag, wird wahrscheinlich erst mit der richtigen Technik deutlich. Beim Sprechen kommt es schließlich auf mehr als nur die Lautstärke an. Welche die richtige Technik ist, hängt von der Person ab, deshalb ist eine individuelle Schulung so wichtig.

Laut sprechen = Schreien? Weit gefehlt!

Im Workshop haben wir kennengelernt, dass sich vieles auf die Stimme auswirkt, Körperhaltung und Atmung zum Beispiel, aber auch die Stimmung. Beim lauten Sprechen kommt es darauf an, den eigenen Körper als Resonanz zu verwenden, den wir im Prinzip wie eine Art Lautsprecher einsetzen können. Um dies zu erreichen, müssen die Sprechenden zulassen, dass sich die Schwingungen des Gesagten im eigenen Körper ausbreiten. Voraussetzung dafür ist eine lockere und unverkrampfte Körperhaltung. Selbst kleine Personen können damit eine beachtliche Lautstärke in einer tiefen Stimmlage erzeugen.

Wie oben erwähnt, ist dabei auch auf die richtige Atmung zu achten. Wir haben gelernt, dass Bauch- und Flankenatmung am besten sind, wohingegen eine reine Brustatmung verhindert, dass genügend Resonanz entsteht. Geht die Stimmlage dabei in die Höhe, ist das ein klares Zeichnen dafür, dass die Sprechenden die Technik noch nicht beherrschen.

Beim Stimmtraining habe ich Techniken kennengelernt, durch die ich die Präzision meiner Aussprache erhöhen kann. Das hilft mir sehr, wenn ich Videos für meine Studierenden vertone.

Dr. Michael Spranger
Teammitglied NextGen

Sportliche Lockerungsübungen

Es gilt demnach, nicht nur die Kiefermuskulatur, Lippen und Zunge, sondern den ganzen Körper zu lockern. Körpereinsatz war also durchaus gefragt. Ein verspannter Nacken, im Stand komplett durchgestreckte Beine, alles, was die Schwingungen aufhalten könnte, sollte gelockert werden. Und diese Übungen fühlten sich genauso an, wie sich die meisten von uns vorgestellt haben – gewöhnungsbedüftig und eher etwas für einen Ort ohne Publikum. Gut, dass sich das Team nach einem Jahr NextGen schon gut kennt und es keinen Grund für Zurückhaltung gab.

Stimmlage und Artikulation

Eine der großen Aufgaben des ersten Workshops war, die eigene Stimmlage zu finden. Auf die Suche danach gingen wir mit einem entspannten „Mmmm“ Ton. Diesen brummt man, laut Thomas Hoffmann, nämlich fast immer in der eigenen Stimmlage.

Zudem stand deutliches Sprechen auf dem Programm. Besonders effektiv war es, wenn wir zunächst mit übertriebenen Artikulationen sprachen und dann zum normalen Sprechen zurückkehrten. Möglich ist das beispielsweise durch lautüberfüllende Sätze wie „Dieter trank drei Tassen Tee“. Diese Übungen wirkten wie ein Deutlichkeitsboost, der auch beim leisen Sprechen großen Nutzen gezeigt hat.

Der abschließende Live-Test

Den krönenden Abschluss am zweiten Workshoptag bildete eine Livesimulation im Hörsaal. Hier lautete die Frage, wie akustisch verständlich und wie deutlich man für Zuhörende in den hinteren Reihen zu verstehen war. Thomas Hoffmann ließ uns dazu zunächst Inhalte aus unseren Lehrveranstaltungen vortragen, gab dann dem Team die Möglichkeit zu Feedback und fügte danach sein eigenes an. In einer Wiederholung stoppte er dann die Redenden und gab Hinweise, die direkt umgesetzt werden konnten.

Reden sollte gelernt sein

Zugegeben war das einleitende Beispiel einer dreitägigen Blockveranstaltung ein extremes, dennoch aber keineswegs aus der Luft gegriffen. Eine gesunde Bedienung des wichtigsten Werkzeuges, der Stimme, sollten schließlich alle Lehrenden beherrschen. Als besonders wertvoll haben wir im NextGen Team das individuelle Feedback wahrgenommen. Ohne einem geschulten Hinhörer kann es schwierig werden, die stimmliche Leistung zu verbessern.