"Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommele nicht Menschen zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer."

Was hat dieses dem Schriftsteller und Forscher Antoine de Saint-Exupéry zugeschriebene Zitat mit moderner Wissenschaftskommunikation zu tun?

Zunächst einmal wird es gerne von Kalenderspruch-Blogger:innen, aber auch professionellen Coaches, Speakern, Consultants und anderen „Influencern“ bemüht, um Sehnsucht als besten und wahren Antrieb zu betonen. Aber ist das so? Führt Sehnsucht bestmöglich zu Erfolg?

Auch in der Wissenschaft gibt es Sehnsüchte: Nach guten Forschungsergebnissen, bahnbrechenden Erkenntnissen und der möglichst weltweiten Anerkennung der eigenen wissenschaftlichen Leistung. Die Sehnsucht, wahrgenommen, gelesen, gesehen, gehört, verstanden, publiziert und zitiert zu werden – und irgendwann zur anerkannten Autorität oder zum dauergefragten Guru für bestimmte Themen zu werden. Leider reichen diese Sehnsüchte und auch eine zugrunde liegende hervorragende wissenschaftliche Arbeit in der modernen Wissenschaftskommunikation aber nicht mehr aus, um dauerhaft Wahrnehmungserfolge zu erzielen.

Zielgruppen und Feldermoderner Wissenschaftskommunikation

Zielgruppen moderner Wissenschaftskommunikation

Was Wissenschaftler:innen antreibt ist die Lust auf Innovatives und Unbekanntes, auf Entdeckungen und Erkenntnis, aber manchmal eben auch schlichte Notwendigkeit: Vorlesungen und Seminare in Präsenz, hybrid oder als digitale Formate, Lehrvideos, Buchbeiträge, Artikel, Paper, Poster, Konferenzbeiträge, Keynotes, Anträge und Präsentationen für Mittelgeber, Gremienarbeit, Pressearbeit, Forschungsgruppen-Websites, Blogs, Apps, Podcasts, Tweets, Instagram-Stories,… – nie war Wissenschaftskommunikation so aufwändig. Und zugleich so einfach.

Jeder kann heute Content alleine erzeugen und verbreiten, ohne auf Journalist:innen, Verlage, Sender oder andere Multiplikatoren angewiesen zu sein. Und dementsprechend sieht die kommunikative Welt dann eben auch aus: Banale, irrelevante, inkompetente und redundante Beiträge, kurzlebige unsachliche Diskussionen, manipulative, unbelegte oder falsche Nachrichten, Pranks und Fakes, influencete Jugendliche, technisch entkoppelte Ältere, exponentiell anwachsendes Wissen und zugleich immer kürzer werdende Verfallsdaten von eben noch gültigen Ergebnissen, Erkenntnissen und Wahrheiten.

Wie kann man in diesem Umfeld mit der eigenen Wissenschaftskommunikation zu den verschiedenen Zielgruppen durchdringen?

Das Warum zählt

Die gute Nachricht: Hier greift jetzt doch Saint-Exupéry mit der Idee der Sehnsucht. Nur nennen wir sie jetzt Vision und den Weg dorthin Mission. Das kommt zwar aus der Welt der Unternehmensberatung und man muss zugeben: Wissenschaftler:innen haben selten echte Sehnsucht nach Visionen (Helmut Schmidt meinte „Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen“, und auch Noahs Arche-Team bekam mit Sicherheit konkrete und umfangreiche Aufgaben) – aber als Ziel des eigenen Tuns, als Antrieb, Entfesselungs-, Begeisterungs- und Wahrnehmungsimpuls taugen sie durchaus. Ada Lovelace, Ghandi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Steve Jobs, Elon Musk oder andere sind nicht mit der Beschreibung ihres konkreten Tuns ins Gespräch gekommen, sondern immer mit der Story einer angestrebten anderen Wirklichkeit, einer Vision, mit der sich viele Menschen identifizieren konnten. Sie haben über das WHY ihres Tuns erzählt – das treibende oder provokative Warum hinter all ihrer Arbeit – und damit Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten.

Eine Vision als Antrieb?Auch Noahs Arche-Team bekam mit Sicherheit konkrete und umfangreiche Aufgaben.

Die mittelgute Nachricht: Im heutigen sozial-medialen Kommunikations-Tohuwabohu (hebräisch-biblisch „wüst und leer“, heute eher „chaotisch-überfüllt“) brauchen publizierende Wissenschaftler:innen Medienkompetenz. Und die haben sie eigentlich nicht. Und sie wollen sie eigentlich auch nicht haben müssen. Denn sie wollen forschen, lehren und idealerweise weiser dabei werden – und sich nicht an der Befüllung zahlloser Kommunikationskanäle in zweifelhafter Nachbarschaft abarbeiten. Was kann man da tun?

Im Rahmen einer Peer Group Session im neu formierten NextGen Team aus künftigen Professor:innen der Hochschule Mittweida habe ich mich dieses Themas angenommen. Ziel war es, den Kolleg:innen konkrete Tricks und Beispiele an die Hand zu geben, wie moderne Wissenschaftskommunikation gestaltet werden kann, um auf Medienkanälen oder im kollegialen Umfeld wahrgenommen und verbreitet zu werden. Manches basiert auf kommunikativen Gesetzmäßigkeiten, viele Ideen und Erkenntnisse entstammen aber auch meiner jahrzehntelangen Arbeit in der professionellen Live-Kommunikation.

Der Golden Circleerfolgreicher Selbst-Kommunikation

Golden Circle Modell - Prinzip

Dieses Prinzip des „Golden Circle“ von Simon Sinek stellt beispielsweise ein bewährtes Modell dar, wie man sich und seine Thematik erfolgreich ins Gespräch bringt: Das Modell illustriert den idealen Weg, um über die eigene Arbeit zu erzählen (Storytelling auch in der Wissenschaft!). Demnach ist kommunikativ erfolgreicher, wer zuerst über das WHY hinter seinem Tun erzählt (Vision: Was will ich erreichen?), dann das HOW beschreibt (Mission: Wie will ich das erreichen?) und erst zuletzt das WHAT erklärt (Aktion: Mein konkretes Tun dafür). Wer den kommunikativ umgekehrten Weg geht, hat damit weniger Erfolg.

Schiebt man den Slider in der folgenden Grafik ganz nach rechts, sieht man die Kommunikation eines fiktiven Beispiels von WHAT zu WHY, schiebt man den Slider ganz nach links wird die erfolgreichere und für Medien interessantere Story vom WHY zum WHAT dargestellt:

Golden Circle Modell - nicht erfolgreich Golden Circle Modell - erfolgreich

Dass so etwas keine banalen Taschenspielertricks windiger Medienberater sind sondern mühsam zu erlernende Prinzipien, die dem klassischen wissenschaftlichen Schreiben oft entgegenstehen, zeigte sich im Team-Dialog zu eigenen Publikationen: Zuerst über eine entfernte Vision, dann den Weg dorthin und erst am Ende über die Arbeit im Hier und Jetzt zu „erzählen“ fällt Wissenschaftler:innen nicht leicht. Aber so funktionieren Stories für heutige und zukünftige Medien: Ein Protagonist (Held:in) stellt sich einer übergroßen Aufgabe, kämpft mit Widrigkeiten, scheitert, besiegt seine Zweifel, geht durch schwere Prüfungen, gewinnt Erkenntnis, hebt einen Schatz und besiegt am Ende die Antagonisten um zu triumphieren und eine bessere Welt zu schaffen. Die Heldenreise. Jede Erfolgsgeschichte beliebiger Visionär:innen wird in dieser Form erzählt.

Ja, bin ich dennFantasy-Autor:in?

Nein. Aber Sie können und sollten es ein wenig werden. In kontemplativen Momenten einfach mal die WHY – HOW – WHAT Story zu eigenen Arbeiten zu formulieren ist spannend, selbstmotivierend und langfristig lohnend – Sie werden sehen, versprochen! Ob für den Elevator Pitch auf Konferenzen, die Selbstvorstellung in Panels oder die Schärfung eigener Ziele und Prioritäten… Sie werden das immer wieder brauchen können.

Denn auch Sie haben Fantasie und sollten davon erzählen: Von einer Vision, von Thesen und Vermutungen, Überraschungen, verblüffenden Erkenntnissen oder innovativen Ideen als Ableitung aus Ihrer Arbeit. Denn damit geben Sie anderen Impulse, werden zitiert, kontaktiert, integriert in neue Welten und Szenarien. Vielleicht in verwandten Wissenschaften oder auch ganz anderen Themenfeldern, vielleicht in der Wirtschaft, vielleicht von Behörden, Gremien, Institutionen, an die Sie nie gedacht hatten.

Gute Beispiele finden sich im Notizblog unserer Arbeiten und Kooperationen: MoNA – Eine Erfolgsstory der digitalen Forensik, Eine forensische Zeitreise in das Jahr 1945, Forschungsprojekt zur Revitalisierung des Tourismus, Innovativer Technikeinsatz in der Pflege, …

Sollten Sie selbst übrigens auch nach langem konstruktiven Überlegen trotzdem keine Vision hinter Ihrer Arbeit erkennen können, sollten Sie kündigen und etwas anderes tun.

Wer seine Arbeit direkt selbst als hervorragend visualisierte, spannende und verstehbare Geschichte mit einer echten Vision anbietet, läuft keine Gefahr, falsch zitiert, interpretiert oder illustriert zu werden.

Selbstverständlich sind und bleiben Sie seriöse:r Wissenschaftler:in. Selbstverständlich müssen Aussagen und Inhalte wissenschaftlich korrekt sein. Aber die Art ihrer Erzählung ist entscheidend. Es reicht nicht mehr aus, das eigene Wissen aus großer Fallhöhe in Fließtext herabrieseln zu lassen, in elitären Publikationszirkeln zu positionieren oder schlicht zu dokumentieren. Bringen Sie die Dinge in einen Kontext, verbinden Sie sie mit einer Vision und Story! Gefragt sind plakative Überschriften, aufmerksamkeitsstarke und erinnerbare Bildmotive, Illustrationen und Veranschaulichungen, intelligente Metaphern, optisch herausgehobene Kernaussagen und ein gut konsumierbarer, weil „gesprochen“ wirkender Erzählstil.

Wer den verbreitenden Plattformen und Medien seine gute wissenschaftliche Arbeit direkt selbst als hervorragend visualisierte, spannende und verstehbare Geschichte mit einer echten Vision anbietet, der wird genommen – und läuft auch keine Gefahr mehr, falsch interpretiert, zitiert oder illustriert zu werden. So jemand wird publiziert, als Impulsgeber und Diskussionspartner eingeladen und mit seiner Arbeit beachtet.
So wird man sichtbar im Tohuwabohu der Kommunikation.

Beispiel einer attraktiven Themenillustrationaus einem schlichten Screenshot

Solche praktischen Beispiele sorgten im Team für Aha-Effekte und das einhellige Feedback war: Ja! Das will ich auch! Aber genauso schnell stand die entscheidende Frage im Raum:

Und wie kriege ich das selbstauf professionellem Niveau hin?

Ganz ehrlich: Im seltensten Fall schafft man das alleine. Wissenschaftler:innen sind keine Mediengestalter:innen, und sie wollen es nicht werden. Bekannte Gesichter moderner Wissenschaftskommunikation wie Prof. Dr. Harald Lesch, Ranga Yogeshwar und andere populäre Wissenschaftsautor:innen haben ganze Teams hinter sich, die recherchieren, texten, filmen, animieren, visualisieren, posten, sharen, liken und vermarkten. Ein Riesen-Apparat, der sich auf die Aufbereitung und Kommunikation oft trivialer, bekannter Themen fokussiert.
Sie als einzelne:r Wissenschaftler:in an einer Hochschule können aber nicht 20 Stunden lang eine Methode als Infografik gestalten und Sie haben neben hauptamtlicher Forschung und Lehre auch nicht die Kapazität und Kompetenz, um zahllose Wissensplattformen, Social Media Kanäle oder Blogs täglich neu attraktiv zu befüllen. Aber für einzelne Themen, Arbeiten und Ergebnisse, von deren Visionskraft oder Nachrichtenfaktor Sie überzeugt sind lohnt es sich vielleicht doch, besonderen Aufwand für eine Kommunikation zu betreiben.

Im Rahmen des Mittweidaer NextGen Projektes möchte ich hier ansetzen und helfen.

Meine Vision: Wissenschaft und ihre Ergebnisse sind zugänglich für jeden. Open Content wird Public Content wird Understandable Content.

Meine Mission: Ich möchte heutigen und künftigen Wissenschaftler:innen eine moderne Wissenschaftskommunikation ermöglichen, indem ich helfe, ihre Vision und Arbeit als Stories in attraktiven und zielgruppengerechten Erzählformaten zu kommunizieren.

Meine Aktion:  Ein Workshop zum modernen wissenschaftlichen Publizieren und die langfristige Etablierung eines „Creative Lab“ für moderne Wissenschaftskommunikation an der Hochschule Mittweida sind erste Schritte auf diesem Weg.

Was könnte dabei herauskommen?
Vielleicht zunächst einmal der Dialog über Ihr persönliches WHY – HOW – WHAT?
Dann eventuell die Idee für einen interdisziplinären Doppelvortrag zweier Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen?
Daraus entstehend eine pfiffige visionäre und aktivierende Keynote für eine internationale Konferenz mit anschließender Paneldiskussion?
Und dann ein digitales E-Book, das neben einer audiovisuellen Aufbereitung des Ganzen auch die Erkenntnisse der Diskussion beinhaltet?

Das klingt nach viel Arbeit und Einsatz?
Ja, das wird es brauchen. Und auch ich mache all das nicht ausschließlich und hauptamtlich.
Aber wir haben an der Hochschule Mittweida das große Glück einer starken und kreativen Fakultät Medien, in der inhaltlich substanzielle audiovisuelle Kommunikation gelehrt und produziert wird. Das Konzept eines digitalen Lehrangebotes in Form der Campus M University ist ebenso auf moderne Wissenschaftskommunikation ausgerichtet.

Es würde mich freuen, gemeinsam mit Kollegen dieser Bereiche bereits etablierte aber auch künftige Wissenschaftler:innen, Forscher:innen und Lehrende für eine aktive und moderne Kommunikation ihrer Visionen, Themen und Erkenntnisse begeistern zu können.

Ich freue mich auf den Dialog!