Zwar unbewaffnet, aber trotzdem „scharf“ auf das Lernen von- und miteinander traf sich das NextGen Team zur zweiten Peer-Learning Session im Juli. Das Thema: „Bogenschießen“.

Gedächtnisschütze

In manchen Situationen würden Lehrende bestimmt gerne „Pfeil und Bogen“ in die Hand nehmen und den Beschuss auf ihre Schützlinge starten. Kognitionswissenschaftlich gesehen ist ein Pfeilhagel, nicht von Holzpfeilen mit spitzer Eisenspitze, sondern ein Pfeilhagel voller Informationen, auf die menschlichen Sinnesorgane alltäglich. Das vielfältige Wunderwerk physikalischer Energie aus Farben, Tönen, Formen, Geschmack und Haptik dieser Welt wird dann von den Sinnesorganen an den menschlichen Gedächtnisapparat weitergeleitet.

Dieser „Apparat“ besteht nach dem Modell von Aktinson und Shiffrin aus dem:

Sensorischen Register,

dem Arbeitsgedächtnis

und dem Langzeitgedächtnis.

Diese Partitionen können als „Filter“ verstanden werden, denn bei weitem nicht alle Informationen und Reize aus der Umwelt gelangen bis in das Langzeitgedächtnis. Zunächst einmal werden sie in Form von messbaren elektrischen Signalen im Sensorischen Register für max. 0,5 Sekunden gespeichert – erstaunlicherweise als fast 100%ige Kopie der Originale. Diese Reize sind reine „Rohdaten“ ohne Bedeutung, eine Bedeutungszuschreibung erfolgt erst über das Arbeitsgedächtnis. Hier werden relevante Daten ausgewählt und mit dem Vorwissen im Langzeitgedächtnis verknüpft – es wird also „assoziiert“. Nur mit Vorwissen können Daten interpretiert werden, die Verbindung zum Langzeitgedächtnis ist somit essentiell für den menschlichen Lernprozess.

Kognitionswissenschaftliche Grundlagen des Lernens - Grafik

Im Gegensatz zu den stark begrenzten Speicherkapazitäten im Sensorischen Register oder dem Arbeitsgedächtnis gehen Forscher von einer fast unbegrenzten Kapazität des Langzeitgedächtnisses aus. Beispiele für die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gedächtnisses sind u.a. jüdische Gedächtnisexperten (Shass Pollak), die in der Lage sind, den aus mehreren tausend Seiten bestehenden, zwölfbändigen Talmud auswendig wiederzugeben. Die Detailgenauigkeit visueller Aspekte ging dabei so weit, dass wenn eine Nadel durch eine und die nachfolgenden Seiten eines Bandes gesteckt wurde, die Experten dazu fähig waren, von jeder nachfolgenden Seite zu sagen, welches Wort die Nadel jeweils markierte. Dagegen wirken die Gedächtnisleistungen der „Generation Google“ fast marginal, denn das Gedächtnis fordert „Training“.

Wie wir das Lernenfördern können

In der Netzwerktheorie wird das Langzeitgedächtnis als „Wissensnetz“ gesehen, in der einzelne Wissensbausteine miteinander durch Assoziationen verknüpft sind. Diese Netzwerktheorie veranschaulicht, dass im Lernprozess die Verknüpfung neuer Informationen mit bereits vorhandenem Wissen stets obligatorisch ist. Je mehr Verknüpfungen oder Assoziationen der Lernende herstellt, desto besser funktionieren sowohl spätere Erinnerungsprozesse als auch die Aufarbeitung neuer Informationen und das Hinzufügen dieser in das bereits verankerte Wissensnetzwerk. Deshalb kann die Förderung der Bildung von Assoziationen auch als eine der wichtigsten Empfehlungen für Lehrende abgeleitet werden. Zudem sollten Emotionen als essentieller Begleiter von Informationen stärker Beachtung finden, denn nur eine „lernpositive Hormonlage“ führt zu hohen Gedächtnisleistungen. Ein positives Emotionsmilieu das beispielsweise durch Belohnungen/ Feedback hervorgerufen werden kann, sorgt dann für die Ausschüttung von Dopamin, welches auch als „Essenz der Neugier“ bezeichnet wird.

„Neugierde anfachen – damit trifft der Lehrendeins Schwarze.“

Diese ist wiederum eine der stärksten Triebfedern im Lernprozess und kann die Aufmerksamkeit von Lernenden auf ein hohes Level bringen. Denn: Die Ausübung der Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit fällt aufgrund der vielfältigen Reizeindrücke aus der Umwelt nicht immer einfach. Gerüche, Nebengeräusche oder die bloße Monotonie können schnell zur Zerstreuung der Konzentration und damit zum Löschen von Informationen führen. So stellte Elizabeth Loftus, eine US-amerikanische Psychologin, im Jahr 1980 fest:

Das wahrscheinlich Beste, was ein Mensch tun kann, um sein Gedächtnis zu verbessern, ist, dass man lernt, wie man seine Aufmerksamkeit kontrolliert.

Eine enge Kopplung von Aufmerksamkeit ist auch im Hinblick auf die Motivation zu verzeichnen.

Deci und Ryan postulieren die Erfüllung von drei zentralen menschlichen Grundbedürfnissen als „Motor“ menschlicher Motivation:

das Bedürfnis nach Kompetenz oder Wirksamkeit(Competence)

das Bedürfnis nach Autonomie oder Selbstbestimmung(Autonomy)

das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit bzw. Zugehörigkeit (Relatedness).

Neben diesen personenbezogenen Zielparametern im menschlichen Lernprozess können auch Empfehlungen ausgesprochen werden, die sich auf die „Struktur“ oder Darbietung von Lernmaterial beziehen. Hier ist beispielsweise die systematische Wiederholung von Informationen zu nennen, bei der Lernende nicht nur oberflächlich, sondern auf tieferer semantischer Ebene Informationen „aufarbeitend“ wiederholen sollten. Zudem kann die Einführung von Tests Lernenden bei der Verarbeitung von Informationen helfen. Experimentell konnten Blunt und Karpicke einen „Testeffekt“ nachweisen, bei dem Probanden, die mit Hilfe von Tests lernten, langfristig deutlich bessere Behaltensleistungen als Probanden ohne Tests vorweisen konnten.

Diese und andere Auffassungen, Erkenntnisse und Erfahrungen zum Thema „Lernen“ wurden nach meinem Vortrag rege im NextGen-Team und gemeinsam mit der Hochschul-Didaktikerin, Susan Lippmann, diskutiert. Die Sehnen der Langbögen aller Beteilgten konnten für die bevorstehende Lehre nun neu justiert und eingespannt werden.